CPG Logo
recordpark says goodbye

VORWORT

KRAUTROCK…

...so nannten Disc Jockeys in England (u. a. John Peel) diese wunderliche Musik, die da Ende der 60er, Anfang der 70er aus dem deutschen Untergrund auf die Insel kam. Musik von Gruppen, die sich Faust, Can, Kraftwerk und Amon Düül II nannten, war neu, aufregend, experimentell, kompromisslos, und sie passte in keine der bekannten Schubladen: Der Begriff Krautrock war geboren. „Kraut“ verdichtet in einem Wort die wesentlichen Merkmale des „typischen“ Deutschen aus Sicht des Engländers, „Krauts“ eben.

Bereits 1967 war der Beat, die Tanzmucke der Teenager, untergegangen. Abgetanzt wurde von da an in Diskotheken, die in den Metropolen der Republik wie Pilze aus dem Boden schossen – zu einer Musik, die von trendigen DJs in Form von Singles aufgelegt wurde. Live-Musik war tot, mausetot, und der Beat starb mit ihr. Einer der ersten DJs war Gerhard Augustin, der in Bremen bereits ab Dezember 1963 im “Twen-Club“ neue Singles aus England und den USA auflegte, meist extrem gut tanzbare R&B- und Pop-Nummern. 1965 hatte Augustin die Idee, die Musik, die bei den Teens so gut ankam, auch im Fernsehen zu präsentieren. Das war die Geburtsstunde des legendären „Beat Club“ bei Radio Bremen. Ende der 60er schließlich wurde Augustin dann A&R-Direktor des Schallplattenlabels Liberty/United Artists und betreute Bands wie Can und Amon Düül II.

Vor dem Hintergrund revolutionärer Stimmung und einer politisierten Jugend fand die Initialzündung des Krautrock 1968 statt. Nur wenige Früh- und Mittsechziger-Bands kamen durch. Sie orientierten sich um, suchten nach neuen Wegen, Klangbildern oder auch  Geldquellen. So entwickelten sich beispielsweise die German Bonds zu Lucifer's Friend. Aus den braven Generals wurde Kollektiv. Ralf Hütter hatte die Orgel bei den Phantoms aus Krefeld bedient. Ende der 60er gründete er Organisation, um kurz darauf mit Kraftwerk - mit völlig neuen Klangbildern - Weltruhm zu erlangen (mehr als 70 Mio. verkaufte Tonträger weltweit nötigen Respekt ab!). Auch der begnadete Jazz-Schlagzeuger Udo Lindenberg trommelte und sang noch Mitte der 60er bei den Mustangs, ehe ein paar Jahre später Udos ausgezeichnetes Spiel u. a. auf den wunderbaren LPs von Motherhood zu hören war.

Nach wie vor eiferten viele Bands anglo-amerikanischen Vorbildern wie Deep Purple, Jethro Tull, Vanilla Fudge, King Crimson und vielen anderen nach. Andere wurden eher von den Soundcollagen von Frank Zappas Mothers Of Invention (sie spielte beiden Essener Songtagen 1968), den frühen Pink Floyd, der Jimi Hendrix Experience sowie gewissen chemischen Substanzen  beeinflusst und entwickelten zunehmend eine völlig eigenständige Musik, Gruppen wie beispielsweise Ash Ra Tempel, Guru Guru oder Xhol Caravan.

Diese Band aus Wiesbaden hieß zunächst Soul Caravan. Sie spielte eine eher müde LP ein, auf der sie zwei schwarze GIs begleiteten, die sich offenbar für Sam & Dave hielten. Nach dem Heimflug der beiden Amerikaner geriet die Restband unter den Einfluss von Pink Floyd, Acid & Rolf Ulrich Kaiser, dem egomanischen Erfinder seiner selbst, der in seiner Reinkarnation als Kosmischer Kurier den galaktischen Postboten gab,  und - neben viel unverdaulichem Gebabbel - eine ganze Menge revolutionärer Musik zustellte. Electrip, das Xhol Caravan-Album voller seltsamer Musik in einem außergewöhnlichen psychedelischen Cover, erschien 1969 ausgerechnet auf dem auf seichte Schlager spezialisierten Berliner Hansa-Label.

Eine gänzlich eigenständige und einmalige Entwicklung nahm die Gruppe Can. Ihre Musik kam eher aus der klassischen und modernen Kompositionstechnik, der Avantgarde und dem Free Jazz – und sie nahm Rockmusik als Einfluss auf, nicht umgekehrt. Daraus entstand die Musik, besser: das Konzept Can. Innovation hört sich genau so an.

Die Gründungsmitglieder Irmin Schmidt, Holger Czukay und David Johnson experimentierten bei Prof. Karlheinz Stockhausen, dem selbsternannten Klangrealisator, mit verschiedensten, oftmals elektronischen Ausdrucksformen und erschufen so genannte Raum-Musik. Der Gitarrist Michael Karoli wurde in seiner Jugend an Geige und Banjo ausgebildet. Schlagzeuger Jaki Liebezeit kam vom Jazz (u. a. Manfred Schoof Quintett) und trommelte wie ein gut geöltes Uhrwerk wunderbare minimalistische Strukturen. Er war es insbesondere, der den Can-Sound so unverwechselbar machte. Selbst mit Sängern machte Can Instrumentalmusik. Der Sänger im Can-Konzept verstand sich eher als gleichberechtigtes Instrument, sei es nun Malcolm Mooney, der auf „You Doo Right“ einen Brief seiner amerikanischen Freundin „verlas“ oder der Japaner Kenji „Damo“ Suzuki, den Can 1970 in München einfach von der Straße aufsammelten und der dann beim abendlichen Gig im „Blow-Up“ den Großteil der Gäste mit vokalen „Samurai-Attacken“ vergraulte.

In dieser Zeit schien einfach alles möglich, alles machbar zu sein. Experimentierfreude machte sich breit. Paul & Limpe Fuchs probierten gemeinsam mit Friedrich Gulda als Anima die wildesten Instrumente aus. Limbus 3 oder 4 unternahmen avantgardistische Ausflüge an den Rand des musikalischen Universums und waren teilweise schon zwanghaft antikommerziell. Im Gegensatz zu ähnlich arbeitenden Gruppen machten sie sich das Leben durch die Ablehnung elektronischer Klangmaschinen wie Mellotron, Synthesizer usw. doppelt schwer. Sie steckten ihr Geld lieber in den Kauf exotischer Instrumente wie Faray, Tsikadraha & Valiha, die dann zwar keiner richtig beherrschte, die aber vom Namen her schon geil klangen.

Checkpoint Charlie provozierten mit ihrem ersten Album (wer hat es jemals durchgehört?) „Grüß Gott Mit Hellem Klang“ mit pornographischen und blasphemischen Texten. Ton, Steine, Scherben aus Berlin agitierten mit „Macht Kaputt, Was Euch Kaputt Macht“ oder beschworen auf einer Schallfolie den „Nulltarif“ (Schwarzfahrerproduktion, Berlin).

Künstler wie Deuter, Peter Michael Hamel, Popol Vuh und andere brachten meditative, oft orientalische Elemente in den Krautrock und entschwanden schließlich Ende der 70er in der Siebenten Ebene oder anderen n-dimensionalen Welten, eine stetig wachsende New-Age- Gemeinde glücklich hinter sich lassend.

Tangerine Dream nannten ihr erstes Album „Electronic Meditation“. Die „Reise Durch Ein Brennendes Gehirn“, so ein Songtitel auf der Ohr-LP, hört sich allerdings wenig meditativ an. Die Kosmischen Kuriere von Rolf Ulrich Kaiser hielten sich gar nicht erst mit Meditation auf, sondern entschwirrten gleich in den Kosmos. Ash Ra Tempel galten als die ultimative Acid-Truppe schlechthin. Sie nahmen sogar mit LSD-Oberguru Timothy Leary in der Schweiz eine LP namens „Seven Up“ auf.

Embryo, eine experimentierfreudige Jazzband um Christian Burchard, integrierte bereits ethnische Einflüsse aus Arabien, Indien und anderen fernen Ländern in ihre Musik, bevor der Begriff Ethno-Rock überhaupt erfunden wurde. Später gründeten Embryo mit befreundeten Bands und Künstlern wie etwa Missus Beastly, Munju oder Checkpoint Charlie das autonome, linke Schallplattenlabel April, später aus rechtlichen Gründen in Schneeball umbenannt.

Selbst der Jazz befreite sich damals zeitweise von sich selbst und integrierte Strukturen des progressiven Rock. Als wahrer Meister dieser Kunst entpuppte sich Wolfgang Dauner (& Et Cetera), der zwischen 1969 und 1973 einige herausragende Alben produzierte und mit einem beseelten Siggi Schwab an Sitar und Gitarre krautige Jazz-Ragas intonierte. Nach 1973 war es dann wieder nur noch Jazz oder eher lascher Jazz-Rock. Entkrautet, sozusagen!

Ratlosigkeit gepaart mit Raffgier führte dazu, dass bald jedes deutsche Majorlabel ein von langhaarigen Talentscouts gestaltetes Sublabel mit Namen wie Pilz, Brain, Ohr, Kuckuck, Bacillus oder Zebra gründete. Die Entscheider in den Chefetagen schätzten ihre neuen Mitarbeiter ungefähr so hoch ein wie eine Zeitung von gestern. Nach einigen Jahren der Narrenfreiheit, die selten bis nie die erhofften Umsatzzahlen erbrachten, flogen die Freaks auch wieder hochkant aus den Läden raus. Sie hinterließen jedoch eine gewaltige Menge höchst merkwürdiger, teilweise schwer verdaulicher, aber selten langweiliger deutscher Musik: Krautrock.

Ab Mitte der 70er versank der Krautrock allmählich im Jazz- oder Funkrock, während Punk und NDW bereits als neue Trends am Horizont aufzogen. Einige aufrechte Avantgardisten hielten noch tapfer die Fahne hoch, die Einstürzenden Neubauten besangen nicht den ganzen, sondern nur den halben Menschen und Mani Neumaier, kauziger und liebenswerter Krautrocker der ersten Stunde, lässt noch heute bei Guru-Guru-Konzerten den „Elektrolurch“ aus dem Tümpel kriechen.

Krautrock hat sich längst – besonders im Ausland – zum feststehenden Begriff eines definierten Genres entwickelt und wird ganz bewusst von Musikern als Quelle und Einfluss ihres kreativen Schaffens zitiert. Die Reputation einiger Kraut-Acts wie Kraftwerk, Can, Faust oder Amon Düül II ist jenseits der Grenzen enorm, der Einfluss auf bestimmte zeitgenössische, aktuelle Künstler groß. Selbst David Bowie nennt Musik von Gruppen wie Kraftwerk, Neu! oder Harmonia sowie den 1987 verstorbenen Produzenten Conny Plank als wesentliche Inspirationsquelle.

Auf dem aktuellen Schallplatten-Sammlermarkt ist Krautrock auf authentischen Tonträgern  heiß begehrt und gehört zu den weltweit teuersten Sammelgebieten überhaupt. Kleine und kleinste Auflagen treffen auf eine starke, ständig steigende Nachfrage kauffreudiger internationaler Interessenten. Spezielle Alben tauchen so gut wie gar nicht mehr auf. Tief eingegraben, zum Beispiel in japanischen Sammlungen, werden sie dem Markt dauerhaft entzogen. Preise jenseits der 100- oder 200-Euro-Marke für rare Krautrock-LPs sind daher keine Seltenheit. Originalpressungen sind nicht nur Abbilder seltsamer Musik einer aufregenden Epoche, sondern – in der Spitzenklasse – eine Wertanlage. Wohl dem, der seine Krautrock Schätzchen in seiner Sammlung weiß.

Herzlich Willkommen

zur nochmals erweiterten und durchgesehenen dritten Auflage des COSMIC PRICE GUIDE.
Das hier vorgelegte Werk beschäftigt sich weniger mit musikanalytischen Fragestellungen als vielmehr mit handfesten Daten und Fakten. Ein Handbuch eben, das in der täglichen Praxis auf Schallplattenbörsen, Flohmärkten oder Online wertvolle Entscheidungshilfen bieten soll. Katalogisiert wurden Vinylveröffentlichungen des KRAUTROCK im weiteren Sinne, darunter darf man sich Krautrock im engeren Sinne (1968-1974) plus relevante Vor- und Nachläufer vorstellen. Auch „krautige“ Schnittstellen zu Jazz, Folk, Avantgarde und elektronischer Musik wurden berücksichtigt.

Pressungen

Bis auf eine Handvoll Ausnahmen wurden alle Titel in Deutschland hergestellt und veröffentlicht, daher liegt der Fokus naturgemäß auf den deutschen Erstpressungen. Darüber hinaus finden Auslandspressungen Aufnahme, die entweder ausschließlich im Ausland veröffentlicht wurden oder signifikant von den heimischen Ausgaben abweichen.
Wiederveröffentlichungen werden dann erwähnt, wenn sie von der Erstveröffentlichung(en) erheblich abweichen oder um den Unterschied zur Originalpressung zu verdeutlichen.

Preise

Die angegebenen Preise verstehen sich als Richtpreise in EURO (€) und beziehen sich auf makellose, neuwertige Exemplare (Mint).
Bereits kleine und kleinste Mängel fordern zum Teil erhebliche Abschläge auf den Preis.
Zur Ermittlung des Wertes bei verschiedenen Erhaltungsgraden könnte folgende Tabelle hilfreich sein, die gleichzeitig verschiedene Bewertungssysteme in einen Kontext bringt:

  100% 85% 70% 50% 35% 25% 15% 10% 5%
GER M- M-- VG++ VG+ VG VG- VG-- G+ G
UK M- EX+ EX EX- VG+ VG VG- G G-
US NM NM VG+ VG+ VG VG VG- VG- G

MMint condition, neuwertig
NMNear Mint condition, nahezu neuwertig (nur in US gebräuchlich)
EX Excellent (nur in UK gebräuchlich)
VGVery Good, Gebrauchsspuren aber noch sehr gut erhalten
GGood, deutliche Gebrauchsspuren, spielt durch, noch gut erhalten
+/-Trends

Ist in der Preisspalte ein ./. eingetragen, so lässt sich bislang kein nachvollziehbarer Preis ermitteln.

Die Preise stellen eine aktuelle Abbildung dar, wie sie sich international aus einschlägigen Listen, Internet-Auktionen, Experten-Befragungen sowie meiner langjährigen persönlichen Erfahrung als Sammler und Händler von seltenen Schallplatten ermitteln lassen.

Das Preisniveau ist von Land zu Land durchaus unterschiedlich. Als Faustregel darf gelten, dass der Preis umso höher ist, je weiter das Land vom geographischen Ursprung der Schallplatte entfernt liegt. Es ist daher nicht verwunderlich, dass in Ländern wie USA oder Japan verhältnismäßig hohe Preise für Krautrock LPs aus Deutschland gezahlt werden.

Preise für Schallplatten in Regionen jenseits von 250 EURO sind selbstverständlich kritisch zu betrachten, da diese Ausnahmeexemplare nur vereinzelt am Markt auftauchen. Hier kann es natürlich vorkommen, dass für besonders seltene und herausragend erhaltene Titel Phantasiepreise gefordert und auch gezahlt werden.

Ebenfalls schwierig zu ermitteln sind Preise der vielen Privat-Pressungen, also Pressungen, die, zumeist privat finanziert, nicht auf einem Major- oder Indie-Label erschienen sind. In aller Regel handelt es sich um kleine und kleinste Auflagen, die diese Titel selten machen. Daraus lässt sich keinesfalls ableiten, dass diese Titel auch extrem teuer sein müssen. Oft sind es einfach künstlerische Gründe, dass diesen Werken eine breitere Öffentlichkeit verschlossen blieb. Hier ist Vorsicht vor Phantasiepreisen geboten.

Trend

Vinyl ist schwer im Kommen, Krautrock sehr trendy. So verwundert es nicht, dass Sammler, Liebhaber und Spekulanten die Preise für Spitzentitel hochtreiben. Die Nachfrage nach authentischen Tonträgern der Krautrockzeit ist stark und wird aufgrund des knappen Angebots zunehmen. Wertbestimmend sind nicht nur der Grad der Erhaltung - Top erhaltene Spitzentitel erzielen Spitzenpreise - sondern verstärkt vollständig enthaltene Beilagen wie Poster, Textblätter, Heftchen oder Originalsticker auf dem Cover. So bringt beispielsweise eine Can „Ege Bamyasi“ als normale Erstausgabe in Mint Erhaltung 60-80, mit Poster jedoch gleich 300-400 EURO. Der Originalsticker auf dem Frontcover, der auf die Posterbeilage hinweist, bringt noch mal einen satten 50 EURO Schein extra, mindestens. Eine Frumpy „2“ im farbigen Vinyl mit faltbarem Rundcover ist innerhalb der letzten drei Jahre von 80 auf 150-200 EUR gesprungen. Besonders nachgefragt werden Titel, die von verschiedenen Sammlergruppen gesucht werden. Eine Erstausgabe der Agitation Free „Malesch“ oder „2nd“ suchen der Krautrock Sammler, der Vertigo Swirl Sammler und der Progressive Sammler gleichermaßen. Der Preis kann sich für solche Titel daher nur in eine Richtung bewegen, nach oben.

Vollständigkeit

Sollte ich etwas übersehen oder vergessen haben oder hat sich irgendwo ein Fehler eingeschlichen, bitte ich um Information. Über Ergänzungen, Berichtigungen und Aufhellungen mysteriöser Sachverhalte freue ich mich. Sie werden in der nächsten Ausgabe berücksichtigt.

Ulrich Klatte
Hamburg, September 2008

© 2003 - 2011 CPG Books Impressum, Datenschutz, AGB's & Contact